Geschichte der Kunststofftechnik an der Montanuniversität Leoben

1970: Gründung der Studienrichtung Kunststofftechnik in Leoben

Das zukunftsweisende Ausbildungskonzept für Kunststofftechnik wurde an der Montanuniversität Ende der 60er Jahre unter Mitwirkung von weitblickenden Persönlichkeiten wie Prof. Roland Mitsche, Prof. Erich Schmitz und Prof. Karl Zeppelzauer erstellt und am 10. Juli 1969 legistisch umgesetzt. Als Berater wirkten die international hoch angesehenen Polymerforscher Prof. Hermann M. Mark und Prof. Georg Menges mit.

Unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit und Energieeffizienz ist Kunststoff für viele Experten der „Werkstoff des 21. Jahrhunderts“. Er ist Innovationstreiber und zugleich Gegenstand von Innovationen, Garant von Wohlstand und Lebensqualität, in hohem Ausmaß energieeffizient und laut aktueller Prognosen ein Werkstoff mit großem Wachstumspotential. Die wichtigsten kunststofftechnischen Fachbereiche entlang der Wertschöpfungskette sind in das Ausbildungsprogramm der Studienrichtung Kunststofftechnik integriert, womit dieser Ausbildung ein ganzheitlicher Charakter zukommt, der in Europa - und wahrscheinlich auch weltweit – einzigartig ist.

Ein erfolgreiches Grundkonzept setzt sich durch

Ziel dieses Konzeptes war und ist auch weiterhin, DiplomingenieurInnen für Kunststofftechnik auszubilden, die alle in Frage kommenden Sparten der Entwicklung, Anwendung, Verarbeitung, Bearbeitung und Prüfung der Kunststoffe sowie das Gebiet der Verbundwerkstoffe beherrschen und später im Beruf erfolgreich vertreten. Für alle Bereiche ihrer Tätigkeit werden den Leobener KunststofftechnikerInnen umfassende Kenntnisse in der Chemie und Physik der Kunststoffe, ihrer Verarbeitung, der Konstruktion von Bauteilen und Systemen sowie des Verhaltens von Kunststoffen unter verschiedenen Anwendungsbedingungen vermittelt.

Die Erfolgsfaktoren dieser Ausbildung sind (1) die Interdisziplinarität des gewählten Ansatzes, in dem Chemie und Physik der Kunststoffe mit Werkstoffkunde, Verarbeitung und Konstruktion eng verzahnt wurden, (2) die über die fachliche Strukturierung klar erkennbare Ausgewogenheit des Studienplans und (3) das dem Bedarf der Kunststoffwirtschaft vorbildlich angepasste Grundkonzept. Das Ausbildungsprofil an der Montanuniversität wird im Zusammenwirken der Professoren der Kunststofftechnik mit dem Kuratorium Kunststofftechnik sichergestellt. Dieses Kuratorium ist ein ehrenamtliches Beratungsgremium, das sich aus 17 einflussreichen Persönlichkeiten der österreichischen Kunststoffindustrie und –wirtschaft zusammensetzt.

1970 – 2000: Laufende Erweiterung der Kunststofftechnik in Lehre und Forschung

Die Aufnahme des Studienbetriebes im Studienjahr 1970/71 war ein wichtiger Schritt für die Erweiterung des Lehr- und Forschungsspektrums der Montanuniversität Leoben und ihrer Entwicklung von den traditionellen montanistischen Schwerpunkten - Rohstoffgewinnung und -veredelung - in Richtung der modernen Werkstofftechnik und der Finalindustrie. Die Umsetzung dieses Konzepts war zunächst dem Institut für Chemische und Physikalische Technologie der Kunststoffe und dem Institut für Kunststoffverarbeitung mit ihren Gründungsprofessoren Prof. Jan Koppelmann und Prof. Werner Knappe anvertraut. Die österreichische chemische Industrie und die Kunststoffmaschinenindustrie boten in dieser Anfangsphase wertvolle Unterstützung. Der Aufbau der Kunststoffchemie wurde bereits 1977 durch Prof. Klaus Lederer vorerst über ein Extraordinariat begonnen. Im Jahr 1986 erfolgte mit der Errichtung des Instituts für Konstruieren in Kunst- und Verbundstoffen und der Berufung von Prof. Rudolf Wörndle im Jahr 1991 ein weiterer wesentlicher infrastuktureller Ausbauschritt. In den Jahren 1989 bzw. 1991 wurden die durch Emeritierung der beiden Gründungsprofessoren vakanten Planstellen mit Prof. Günter R. Langecker für Kunststoffverarbeitung und Prof. Reinhold W. Lang für Werkstoffkunde und Prüfung der Kunststoffe neu besetzt. Ebenso wurde das Institut für Chemie der Kunststoffe geschaffen und 1997 mit Prof. Klaus Lederer als Ordinarius für Chemie der Kunststoffe besetzt. Damit wurde die im ursprünglichen Konzept für die Kunststofftechnik vorgesehene 4-Säulen-Struktur Wirklichkeit.

Rückblickend kann man aus heutiger Sicht den Initiatoren dieser Studienrichtung für ihre vorausschauenden Bemühungen und für das Engagement, mit dem sie die mit jeder Neuerung verbundenen Anfangsschwierigkeiten überwunden haben, nur danken. Die derzeit ca. 630 AbsolventInnen der Studienrichtung Kunststofftechnik, die in allen Branchen der nationalen und internationalen Kunststoffwirtschaft erfolgreich tätig sind, belegen eindrucksvoll die Richtigkeit des vor 40 Jahren eingeschlagenen Weges. Wegen ihrer breit gefächerten Kenntnisse sind die KunststofftechnikerInnen aus Leoben gerade angesichts der wachsenden Komplexität ökonomischer und ökologischer Problemstellungen, mit denen sich der gesamte Kunststoffbereich zunehmend konfrontiert sieht, besonders gefragt.

Neben der Ausbildung qualifizierter TechnikerInnen für die Industrie müssen aber auch die Leistungen der vier Kunststoffinstitute im Bereich der Forschung und Entwicklung hervorgehoben werden. Diese sind im Hinblick auf die notwendige wirtschaftliche und auch industrielle Neuorientierung des alten obersteirischen Industriegebietes von besonderer Bedeutung. Nur durch eine Verbindung von grundlagennahen und anwendungsorientierter Forschung – beides wird in Österreich derzeit zu einem großen Teil an den Universitäten geleistet - kann es der heimischen Industrie gelingen, die im internationalen Wettbewerb lebenswichtigen Technologievorsprung zu erreichen und bewahren.

2002: Gründung des Polymer Competence Centers (PCCL)

Ein weiterer Meilenstein für die Kunststofftechnik in Leoben war 2002 - unter der Initiative von Prof. Reinhold W. Lang - die Gründung der „Polymer Competence Center Leoben GmbH“ (PCCL) im Rahmen des Kompetenzzentren-Programms Kplus des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie. Dieses als eines der besten österreichischen Kplus-Zentren evaluierte Forschungszentrum mit seinem Hauptsitz in Leoben wurde über einen Zeitraum von 7 Jahren zu einem Kunststoffforschungszentrum mit insgesamt 35 Mio. € Forschungsbudget, mehr als 60 Vollzeitäquivalent-MitarbeiterInnen, etwa 40 Partnerunternehmen und weltweiter Sichtbarkeit ausgebaut. Das PCCL wird seit Januar 2010 als K1-Zentrum im Rahmen des COMET-Programmes der FFG für weitere 7 Jahre fortgeführt, wobei das jährliche Forschungsbudget 5 Mio. EURO beträgt und die Förderung der öffentlichen Hand 50% beträgt. Die wissenschaftlichen Partner von PCCL-K1 sind Institute der Montanuniversität Leoben, der Technischen Universität Graz, der Technischen Universität Wien sowie die Joanneum Research Forschungsgesellschaft (Graz) und das Transfercenter für Kunststofftechnik (Wels). Zahlreiche wissenschaftliche Kooperationen mit internationalen Partnerinstituten ergänzen das Kompetenzprofil des PCCL-K1. Zu den rund 40 Partnerunternehmen von PCCL-K1 gehören nationale und multinationale Firmen.

2010: Umfassender Ausbau der Kunststofftechnik am Standort Leoben

Die Zukunftsperspektiven des über einen Zeitraum von 40 Jahren entwickelten Erfolgsmodells der Montanuniversität für die Kunststofftechnik führte zur Entscheidung des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung, wesentlich unterstützt vom Land Steiermark und der Stadtgemeinde Leoben, die Kunststofftechnik an der Montanuniversität zu einem „European Center of Excellence“ mit weltweiter Sichtbarkeit auszubauen. Auf Initiative des Rektorates und Universitätsrates der Montanuniversität, unterstützt von den Gremien der Montanuniversität, dem Kuratorium Kunststofftechnik und der Kunststoffindustrie, wird die Kunststofftechnik Leoben 2010 um die neuen Lehrstühle für „Spritzgießen von Kunststoffen“ und „Verarbeitung von Verbundstoffen“ erweitert. Alle 6 Lehrstühle samt Labor- und Technikumseinrichtungen werden im neuen „Zentrum für Kunststofftechnik Leoben“ auf 6.600 m² zusammengefasst und mit öffentlichen Investitionsmitteln für Forschungsinfrastruktur von knapp 4 Mio. € ausgestattet. Zudem wird die Kunststofftechnik Leoben von der österreichischen Kunststoff- und Maschinenindustrie mit Maschinenspenden im Wert von knapp 1 Mio. € unterstützt. Das von den Professoren der Kunststofftechnik und dem Rektorat 2008 erarbeitete Ausbauprogramm Kunststofftechnik umfasst bis 2013 Investitionen von knapp 12 Mio. € (Bund 65 %, Land Steiermark 33 % Industrie 2 %) und sieht neben den zuvor genannten Investitionen in Gebäude, Lehrstühle und Geräte auch eine Reihe von weiteren zukünftig umzusetzenden Maßnahmen wie z.B. Gründung von CD-Labors und kooperativer fachübergreifender Forschungszentren zu zukunftsweisenden Themen vor. Ziel ist es, bei Vollausbau mehr als 150 MitarbeiterInnen im Bereich der Kunststoffforschung und -entwicklung in Leoben zu beschäftigen (kunststofftechnische Institute der Montanuniversität und PCCL).

Großer Dank für die Realisierung des Ausbaus der Leobener Kunststofftechnik gebührt dem Rektorat und dem Universitätsrat der Montanuniversität Leoben, dem Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung (BMWF), dem Land Steiermark, der Stadtgemeinde Leoben, dem Kuratorium Kunststofftechnik und der österreichischen Kunststoffwirtschaft.